Wegen des Corona-Virus sind Großveranstaltungen bis mindestens 31. August verboten. Die Schausteller*innen trifft das besonders hart. Ein jahrhundertealter Kulturzweig könnte unwiederbringlich verloren gehen.

Es war alles vorbereitet für den „Frühlingsdom“. Das große Hamburger Volksfest, das jedes Jahr Millionen auf das Heiligengeistfeld im Stadtteil Sankt Pauli lockt, sollte am 27. März beginnen. Dann kam das Corona-Virus und der Frühlingsdom wurde gestrichen. „Die Absage kam zwei Tage vor dem geplanten Beginn. Die ersten Schausteller waren schon auf dem Platz“, erzählt Dirk Sielmann.

Sielmann ist Kommunalpolitiker, Mitglied der Bezirksversammlung in Hamburg-Mitte und seit fast 20 Jahren Vorsitzender des wohl außergewöhnlichsten Ortsvereins der SPD, des Distrikts Heiligengeistfeld. Das Besondere: Bis auf Sielmann sind fast alle Mitglieder Schausteller*innen. Der Ortsverein trifft sich nur dreimal im Jahr, immer dann, wenn ein „Dom“ in Hamburg stattfindet.

Keine Einnahmen seit dem 1. Januar

„Normalerweise wären unsere Mitglieder mit ihren Fahrgeschäften schon seit Wochen auf Reisen“, berichtet Dirk Sielmann am Telefon. Die Schausteller-Saison beginnt traditionell mit Frühlingsfesten in der Zeit um Ostern und zieht sich bis in den Spätherbst. Doch wegen Corona ist in diesem Jahr alles anders. „Die Schausteller sind zuhause und pflegen ihre Geräte“, berichtet Sielmann.

Und das wird zunehmend zum Problem. Denn während andere Branchen vorübergehend auf Kurzarbeit setzten oder ihre Mitarbeiter*innen ins Homeoffice geschickt haben, liegt die komplette Schausteller-Branche brach. Von einem „Berufsausübungsverbot“ spricht schon der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes (DSB), Albert Ritter. „Die Schausteller haben seit dem 1. Januar keine Einnahmen“, betont Dirk Sielmann den Ernst der Lage. Wer nicht mit seinem Fahrgeschäft auf einem der Weihnachtsmärkte vertreten gewesen sei, für den sei die Durststrecke sogar noch länger – „und das bei laufenden Kosten“.

Ein Schutzschirm für Schausteller und das ambulante Gewerbe

Sielmann fordert deshalb einen „Schutzschirm für Schausteller und das ambulante Gewerbe“. Damit sollen die Kosten für den Unterhalt der Fahrgeschäfte gedeckt und das tägliche Leben der Schausteller*innen gesichert werden. Zwar könnten auch sie auf Kurarbeitergeld und staatliche Soforthilfen zurückgreifen, doch werde das den meisten nur für kurze Zeit helfen – zumal Großveranstaltungen gerade bis mindestens zum 31. August verboten wurden. „Das ist eigentlich die Hochphase“, erklärt Sielmann. Er geht deshalb bereits davon aus, dass „das ganze Jahr ein Ausfall“ wird. „Einnahmen, die jetzt verloren sind, kann niemand mehr zurückholen.“

Betroffen sind nicht nur die rund 5000 Schausteller-Familien und etwa 55.000 Arbeitskräfte. Das Schausteller-Gewerbe ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Nach Angaben des Deutschen Schaustellerbundes werden jedes Jahr 4,7 Milliarden Euro auf den fast 10.000 Kirmessen, Jahrmärkten und Schützenfesten umgesetzt. Für Dirk Sielmann steht aber etwas anderes im Vordergrund. „Das Schaustellertum ist seit Jahrhunderten eine kulturelle Einrichtung.“ Gerade in kleineren Orten sei das jährliche Volksfest ein echtes kulturelles Ereignis.

Eine Ausnahmesituation, schlimmer als zu Kriegszeiten

„Die Schaustellerei wird gelebt und kann nicht gelernt werden“, sagt Sielmann. Es handele sich ohne Ausnahme um Familienbetriebe. „Wenn einer von ihnen Pleite geht, gibt es keine Nachfolge oder Neueröffnung.“ Deshalb sei es so wichtig, dass der Staat den Schausteller*innen in dieser „Ausnahmesituation“ unter die Arme greife. „Eine Situation wie jetzt hat es selbst zu Kriegszeiten nicht gegeben“, betont Sielmann. „Wenn jetzt nichts passiert, ist eine ganze Kultureinrichtung unwiederbringlich verloren.“